ICH WAR BEI H&M.

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Ok, bitte nicht in Schreikrämpfe ausbrechen. Ich war bei H&M, aber anders, als ihr jetzt denkt. Zuletzt war ich im Oktober 2013 in einer H&M Filiale und mache seither einen großen Bogen herum. Doch letzte Woche war ich bei H&M – im Showroom. Nicht, um mir die Conscious Collection anzusehen, sondern um mit dem Sustainability Coordinator, der Verantwortlichen für Nachhaltigkeit bei H&M, zu sprechen. Anfang Februar erreichte mich nämlich ein Mail von H&M, man würde mich zum Launch der Conscious Collection nach Paris einladen. “Wir erwarten nichts von dir aber wir glauben, dass wir dir zeigen können, dass H&M doch anders ist als du vielleicht denkst.” Die Reise lehnte ich ab, denn a) einen Flug und b) für H&M zu nehmen – so weit bin ich seelisch noch nicht (es sei denn, man lässt mich in naher Zukunft die Fabriken vor Ort ansehen). Was ich aber gerne dankend annahm: die Einladung zum Gespräch. Mit im Gepäck hatte ich Nunu, denn meiner Meinung nach war sie die perfekte Ergänzung für dieses Gespräch, da sie sich super mit der Textilbranche auskennt und noch dazu bei Greenpeace arbeitet. Wieso ich diese Einladung angenommen habe? Weil ich nichts von Mauern und blindem Boykott halte. Ich finde es muss Dialog stattfinden, um Änderung zu bewirken.

Kurz vorab: H&M veröffentlichte kürzlich seinen Sustainability Report für 2015, 130 Seiten voller Grafiken, Statistiken und ab und zu auch bisschen heiße Luft. Aber mehr dazu gleich. Was ich Kerstin, der Verantwortlichen für Nachhaltigkeit bei H&M, anrechnen muss, ist dass ich ihr Anliegen um Nachhaltigkeit wirklich abkaufe. Sie distanzierte sich von hohlem PR-Gequatsche, gab Nunu und mir in vielen Punkten Recht und weiß, dass bei H&M noch viel, viel mehr gemacht werden muss. Jetzt aber zu den Infos, die ich aus dem Gespräch mitgenommen habe.

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1. Die Conscious Collection…

… ist auf gut Deutsch leider ein Witz. Früher betitelte man die Kollektion mit “nachhaltig”, inzwischen ist “nachhaltigER” draus geworden. Bei H&M wird alles als nachhaltiger betitelt, was zumindest zu 50% aus nachhaltigen Materialien besteht. Die Kollektion beinhaltet zwar “gute” Textilien wie Hanf oder Tencel, aber nur im Minimalen. Was mich besonders stört ist, dass sehr viele konventionelle Seidenteile dabei sind (klicke hier, wenn du nicht weißt, wieso Seide schlimm ist). Neben herkömmlicher Seide gibt es “traditional cotton”, also stinknormale Baumwolle (die extrem energie- und wasseraufwendig in der Herstellung ist) und leider sehr viel Plastik (Lurex, Polyamid, Polyester). Zwar wird recyceltes Polyester eingesetzt, was ich bis vor Kurzem noch als gut befunden habe, aber seit Nunu mich aufgeklärt hat, denke ich anders darüber. DAS ist wirklich keine nachhaltige Kollektion, sondern ein Schmäh. Und zwar einer, auf den viele Konsumentinnen reinfallen, im naiven Glauben ein “faires” Teil gekauft zu haben. (Böse Zungen würden behaupten, dass es sich bei dieser Kollektion rein um Green Washing handelt).

Laut Kerstin S. möchte H&M gerne mehr Bio-Baumwolle kaufen/abnehmen, jedoch gäbe es die entsprechenden Mengen am Weltmarkt (noch) nicht. Nunus richtiger Einwand: auch Bio-Baumwolle braucht extrem viel Wasser in der Herstellung und ist somit nicht der “Stoff der Zukunft”. Als Veranschauung: jährlich werden 2 Milliarden Paar Jeans hergestellt, ein Paar Jeans braucht bis zu 7000 Liter Wasser in der Produktion. Do the math.

 

2. Die World Recycle Week…

… ist leider dasselbe Spiel. Wie oben bereits erwähnt, ist “recycled” der neueste Marketingschmäh. H&M hat während der Fashion Revolution Week (Zufall?) in allen Filialen Container aufgestellt und die KonsumentInnen dazu aufgerufen, ihre alten Textilien einzuwerfen. Dazu gibt es zwei Dinge anzumerken:

– Zum Einen wird die Kundin hier in die Irre geführt, denn momentan können Mischgewebe nicht effektiv recycelt werden (es gibt Technologien dazu, die aber im Verhältnis eine zu hohe Energie-Chemikalien-Bilanz aufweisen). Sprich ein T-Shirt mit Baumwolle und Elasthan-Anteil, kann nicht recycelt werden. Von all den Teilen, die in diese Boxen eingeworfen werden, können ca. 1% wirklich recycelt werden. Pro Teil von diesem 1% sind es dann 20%, die tatsächlich wiederverwertet werden können. Im Greenpeace Statement dazu heißt es ” H&M nährt die Illusion, es handle sich um gewaltige Mengen, betreibt aber Recycling im Maßstab eines Reagenzglases. Diese Recyclingwoche von H&M ist eine Woche der Illusionen.“ Weiters heißt es auch “2015 wurden von H&M 1,3 Millionen Teile mit Recycling-Anteil verkauft, das entspricht allerdings nur 130 Tonnen Recycling-Faser. Die 1000 Tonnen, die jetzt in einer Sonderanstrengung gesammelt werden, brauchen beim gegenwärtigen Tempo von H&M mehrere Jahre, bis sie wirklich verwertet sind.”

– Zweitens bekommen die KonsumentInnen einen Gutschein für ihre abgegebene Kleidung. Seriously? H&M will, dass die Kundinnen “recyceln”, kurbeln aber zeitgleich nur ihr eigenes Geschäft damit an und verursachen so à la longue nur noch mehr Textilmüll. Geht gar nicht!

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UND: es ist wirklich mutig und aufrichtig, dass H&M sich diesem (nicht einfachen) Gespräch gestellt hat. Das muss man ihnen hoch anrechnen!

 

5. Mein Fazit?

Wenn man Gutes tut, soll man darüber sprechen. So handhabe ich das hier und so sollte das jeder handhaben. Man kann sich auch sicher sein: wenn eine Firma etwas “Gutes” tut, wird man davon lesen. Das Problem bei H&M ist, dass sie viel mehr tun könnten bzw. ihre Annäherungen zu Nachhaltigkeit zu etwas aufblasen, was es nicht ist. Es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein und bei Weitem nicht genug, zumal sie die KonsumentInnen in keinster Weise zu kritischem Konsum erziehen. Das Business Modell von Fast Fashion passt per se nicht mit einem nachhaltigen Lifestyle zusammen. Wenn ein T-Shirt bei H&M nach wie vor 5€ kostet, können sie noch so viel pseudo-recyceln, denn die Konsumentin wird nach wie vor den Anspruch haben, dass Baumwoll-Shirts nun mal so viel kosten. H&M hat eine irrsinnige Reichweite (25 Milliarden US-Dollar Umsatz 2015), ein mega Potenzial und schöpft es einfach nicht genug aus. Wenn man sich die Unmengen an Textilmüll ansieht und sich klar wird, wir krank diese Branche ist, fragt man sich, wieso die großen Player nicht endlich die Reißleine ziehen. Und: die KäuferInnen werden auf vielen Ebenen schlichtweg verarscht. Denn wer eine Tüte alter Kleidung in einen Container haut, damit sein Gewissen erleichtert und dann noch Shopping-Gutscheine aufs Aug gedrückt bekommt – der hat nichts gelernt und nichts verstanden. Schuld daran ist aber (nicht nur) die Konsumentin, sondern H&M, weil es ihre Aufgabe ist transparente, korrekte und realistische Information darzulegen. Einen Lederschuh Made in India um 35,99€ kann und wird nun mal nie mit gutem Gewissen kaufen können.

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